Futtermittel
July 6th, 2009
„Ein Tier war erlaubt, drei oder vier die Regel“, sagte Knieopatra. „Aber es gab nur Futtermarken für ein Tier. Habe ich nie verstanden, daß man das nicht anders organisieren kann, weil ja geduldet wurde, daß wir mehr Tiere hatten.“
„Das ist doch ganz einfach“, sagte Schmollek Schimarek, „gegen Tiere hat bei HEELS&FACES bestimmt niemand was, aber wenn die Grundfläche des Shangri-La-eigenen Tiergartens größer ist als die Grundfläche aller anderen Gebäude und Außenflächen zusammengenommen und wenn der meiste Verkehr, der Shangri La nach außen verläßt, Tiermistexport für die Landwirtschaft ist, dann ist es doch klar, daß eine Ein-Tier-Regelung gefunden werden mußte. Was ich nicht verstehe, ist, wo ihr die ganzen Tiere eigentlich her hattet.“
„Das ist doch ganz einfach“, echote Knieopatra Schmollek Schimarek, „Tiere vermehren sich.“
„Ach so.“
„Ja, und jeden Frühling wollte mir jemand Welpen oder Kätzchen geben.“
„Wogegen man nur schwer widerstehen kann“, schob Cheopa ein. „Wenn die aber größer werden, wird es kompliziert. Bei Allesfressern wie Hunden oder Pandas, ich hatte einen Panda, kann man von seiner eigenen Essensration was abzweigen, aber wenn du Delphine hast, mußt du eine Fischquelle auftun.“
„Vielleicht war das so gewollt“, mutmaßte Schmollek Schimarek, „weil ihr so zu kommunikativem Tun veranlaßt wurdet. Um die Fische zu bekommen, mußtest du mit anderen Leuten in Kontakt treten, die du vielleicht sonst mit dem Hühnerauge nicht angeguckt hättest, und konntest nicht den ganzen Tag in virtuellen Welten hängen.“
„Klischeee!“ protestierte Knieopatra. „Androidinnen hängen den ganzen Tag in virtuellen Welten ab, sind stinkefaul und interessieren sich ausschließlich für Sex!“
„Jedenfalls erfüllte es den Zweck, daß ihr ökonomisch denken lerntet, was in manchenen Situation nach Shangri La vielleicht ganz nützlich gewesen sein konnte.“
„Pf.“
„Als ob ich das ökonomische Denken propagieren wollte“, sagte Schmollek Schimarek. „Aber als vorhandene Fähigkeit ist es nicht schlecht, nice to have.“
Knieopatra setzte sich gerader hin und zog den Arm unter Cheopas Arm weg und nahm ihn von Schmolleks Schulter. Ihr wurde die Sitzposition auf Schmolleks linkem Oberschenkel unbequem. „Ich hätte es jedenfalls bevorzugt, wenn für alle Tiere genug zu fressen da gewesen wäre und ich nicht in die blöden Situationen gekommen wäre, die dadurch entstanden sind, daß ich Zusatzfutter auftreiben mußte.“
„Ich auch“, stimmte Cheopa zu. „Der Panda hat mir die Haare vom Kopf gefressen, und ich habe bei irgendwelchen lächerlichen Wettbewerben mitgemacht, die mir heute noch peinlich sind.“ Auch Cheopa nahm eine andere Sitzposition auf Schmollek Schimareks rechtem Oberschenkel ein.
„Die Futtermittelknappheit war wirklich gewollt“, sagte Knieopatra. „Ich weiß noch genau, wie eines Tages die Diätpläne abgeschaft wurden…“
„Stimmt“, nickte Cheopa, „und das wurde abgefeiert als große Befereiung vom Diätterror!“
„Absolut“, Knieopatra, „dabei haben sie einfach nur gesehen, daß die Diätpläne gar nicht mehr erforderlich sind, weil die Mädchen immer dünner wurden, weil sie ihre Tiere nicht verhungern lassen wollten.“
„Ein gemeiner Plot“, sagte Schmollek Schimarek gespielt naiv. „Wer mag sich so was bloß ausgedacht haben.“
„Den würde ich sofort foltern.“
„Lange foltern.“
„Sehr lange dauerfoltern.“
„Zuendefoltern.“
„Dauerfastzuendefoltern.“
„Da seid ihr euch schon mal einig, aber über Meica habt ihr ja ziemlich verschiedene Ansichten“, wechselte Schmollek Schimarek zur dritten Frage über. Er schaute auf den angewachsenen Papierstapel der abgegebenen Schriftproben für den graphologischen Test. Weder Knieopatra und Cheopa beherrschten, ähnlich wie Noemi, die Kunst der Handschrift und brauchten eine Weile, um mit gemalten Buchtsaben Antworten zu formen. Ihre Meinung zur Oberpförtnerin sollten sie demnach mit nur einem einzigen Wort zu Papier bringen, hatten die Wahl zwischen gut, okay oder scheiße, oder was ihnen eben einfiel. Cheopa antwortete ehrerbötig, Knieopatra voller Haß.
Knieopatra und Cheopa schauten sich einen Moment lang an, wie um sich zu einigen, wer beginne, und fielen sich dann gegenseitig ins Wort. Beide schienen über Meica noch einiges auf Lager zu haben. Schmollek Schimarek blickte abwechselnd die eine und die andere an, um nicht seine Aufmerksamkeit willkürlich in eine Richtung zu verschenken. Er legte dann seine rechte Hand auf Knieopatras linken Busen und schaute zum Ausgleich Cheopa an, als ausgewogene Lösung.
Cheopa holte Luft, nahm Anlauf, holte noch mal Luft, nahm noch mal Anlauf und begann dann so: „Ich weiß, daß über Meica vieles im Umlauf ist, was nicht den Tatsachen entspricht. Sie ist auf jeden Fall nicht das Monster, als das sie beschrieben wird. In Wahrheit haben bestimmte Leute ein Interesse daran, sie als Blitzableiter aufzubauen. Der Haß soll sich auf sie richten, damit andere gar nicht erst ins Blickfeld geraten. Der Hauptvorwurf ist doch der, das Meica ihre Macht mißbrauchte, weil sie ab und zu Mädchen, bevor sie durch die Pforte geführt wurden, aus Shangri-La rausschleuste und sich das mit Gegenleistungen erkaufte.“
„Und die Gegenleistungen weiter verkaufte“, fügte Knieopatra hinzu.
„Erzähl weiter, Cheopa“, sagte Schmollek Schimarek. „Du bist gleich dran, Knieo.“ Seine Hand beschäftigte sich mit ihrem linken Busen.
„Der Vorwurf ist doch sehr allgemein und liegt immer in der Luft, wenn jemand eine Pförtnerrolle inne hat und bestimmen kann, wer hinein und hinausdarf. So wie Politiker immer korrupt und Priester immer Kinderschänder sind. Ich kenne keinen Beweis dafür, daß Meica die Mädchen, die heimlich raus durften, sexuell erpreßt hat oder anderen die Möglichkeit zu sexuellen Gunstbeweisen gegeben hat. Das erzählen die Mädchen, die es einfach nie geschafft haben, aus Shangri La vor dem Tag der Pforte mal rauszukommen, weil sie einfach zu blöd dazu waren. Ich bin Meica jedenfalls ziemlich dankbar. Was sie alles für mich getan hat. Wen sie mir alles vorgestellt hat.“
„Wen denn?“ fragte Knieopatra.
„Jungs. Stell dir vor, es gab auch schon in Shangri La Mädchen, die nicht erst, nachdem sie durch die Pforte geführt wurden, zum ersten mal einen Jungen gesehen haben.“
„Ich hatte in Shangri La auch schon einen Jungen gesehen.“
„Ja aber einen ausgestopften in der naturkundlichen Abteilung.“
„Ts.“
Schmollek Schimarek ging nun zu Knieopatras rechtem Busen über.
„Und eine gute Sache muß ich über Meica noch sagen, sie hat mal für mich einen Zahn, den ich draußen verloren hatte, suchen und wiederbringen lassen, weil mich der Zahn verraten hätte.“
„Einen Zahn verloren?“
„Der XU LUX LAN, Androidenjäger. Es gab eine handgreifliche Auseinandersetzung, sie hätten uns um ein Haar gehabt, so zwei feiste Typen.“
„Und wie habt ihr euch gewehrt?“
„Wir waren noch feister. Sah vielleicht nicht besonders damenhaft aus, aber ich haben dem Anführer die Finger in die Augen gesteckt, da hatte er genug.“
„So stark siehst du gar nicht aus“, sagte Schmollek Schimarek und betrachtete Cheopas magere Schultern und hervortretenden Schlüsselbeine.
Cheopa zuckte mit den Achseln und lächelte aus ihren korallgrünen Augen.
Schmollek Schimarek ließ nun von Knieopatras Brüsten ab und widmete sich Cheopas, schaute dabei achsensymmetrisch Knieopatra an, die auch im selben Augenblick achsensymmetrisch mit ihrer Geschichte über Meica begann.
„Meica ist noch schlimmer als die Horrorgeschichten, die über sie kursieren. Sie fliegt immer zu Frischbluttransfusionen in die Schweiz und sieht irgendwie trotzdem wie eine Untote aus einem Vampirfilm aus. Und na klar nutzt sie ihre Pförtnerinnenrolle aus. Der einzige Weg, aus Shangri La abends rauszukommen, führt durch ihr Schlafzimmer. Das weiß jeder. Und in dem Schlafzimmer begegnet man dann nicht unbedingt immer Meica selber. Wer sich verweigert, muß mit Konsequenzen rechnen. Sie schickt dann Besucher von außen wieder weg, mit denen man verabredet war, macht einem das Leben schwer, wo sie kann.“
Schmollek Schimarek hob Cheopas viel zu großen rechten Busen mit seiner flachen Hand sachte an und ließ ihn sattsam in seine Ausgangsposition zurücksacken. Das gleiche machte er auch mit ihrer anderen birnenförmigen, ein wenig hängenden, aber zugleich festen Brust und erfreute sich des kreisenden Nachschaukelns.
Knieopatra beobachtete Schmollek Schimareks kritische Miene, während er sich mit Cheopas Brüsten beschäftigte, und fuhr dann fort: „Oder sie ließ genau die Besucher vor, die man auf gar keinen Fall sehen wollte. Zum Beispiel den Patron, für den ich abgerichtet werden sollte, was ja dann nicht ganz geklappt hat. Ein schleimiger, humorloser, verkrampfter Vollidiot mit Mundgeruch, einer Spießerfrisur und einem grenzenlos peinlichen Modegeschmack. Meica sorgte dafür, daß er mich in Shangri La überall bei praktisch jeder Beschäftigung finden konnte, wovon er zum Glück nicht so oft Gebrauch machte. Aber jedesmal, wenn ich in Schwierigkeiten steckte, war er zur Stelle und trat als Retter auf. Auf die Weise sollen wir bekanntlich auf unseren späteren Herrn und Meister konditioniert werden, weil wir ihn immer als Retter in der Not, Fürsprecher und Wohltäter kennenlernen. Aber in seinem Fall wirkte die Methode nicht, er war zu alt, zu dick und zu häßlich. Nicht daß ich die Zusammenhänge damals schon durchschaute. Mir war es einfach nur unangenehm, wenn er mich mit umarmender Gönnergeste aus dem Karzer holte, wo ich ungewaschen, ungekämmt in Strafkleidung vor mich hin gedämmert hatte.“
„Sträflingskleidung?“ fragte Cheopa.
„Das hätte noch gefehlt. Strafkleidung, also einfach besonders häßliche Klamotten, in denen man total lächerlich aussieht, die man sonst nie anziehen würde.“
„Ich konnte mir auch im letzten Jahr nicht aussuchen, was für Mode ich trage.“
„Ich schon.“
Eine Atmosphäre gegenseitiger Verdächtigung entstand. Knieopatra und Cheopa taxierten einander. In den Blicken lag die unausgesprochene Vermutung, daß die andere wohl vielleicht doch nie selber in Shangri La gewesen sein mochte und die Informationen aus einer anderen Quelle hatte. Schmollek Schimarek spürte, daß dieser verdächtigende Blick zuerst in Knieopatras bernsteinfarbenen Augen erschien, war sich da aber nicht sicher. Er wußte selber, daß nur ein Teil der Mädchen im letzten Jahr über modisches Selbstbestimmungsrecht verfügten, und empfand die wechselseitige Verdächtigung der beiden Mädchen als nicht unbedingt aussagekräftig.
Knieopatras Blick verdunkelte sich. „Aber wenn wir hier über Meica reden, müssen wir ja wohl in erster Linie über etwas anderes reden. Das willst du doch hören, Schmollek, und darum fragst du uns alle danach. Das Leben als Androidin kann man eigentlich nur als Junkies aushalten. Ein Drittel der Mädchen sind schon in den Schulungszentren Junkies.“
„Diese Zahl halte ich für übertrieben“, widersprach Schmollek Schimarek.
„Und später draußen sind es vielleicht zwei Drittel.“
„Das stimmt nicht. Bist du bei in der LIGA der Androidinnen?“
„Ich bin ausgetreten.“
„Ich auch“, bemerkte Cheopa.
„Und für die Junkies unter den Androidinnen“, fuhr Knieopatra fort, „ist es natürlich um einiges schwieriger, an ihr Zeug ranzukommen – verglichen mit Tierfutter. Da ist es klar, daß Meica als Oberpförtnerin dabei eine Rolle spielt. Und welche Rolle genau, weißt du selber natürlich besser als wir.“
Schmollek Schimarek schüttelte den Kopf. „Die LIGA hat euch da einiges einprogrammiert, was nicht den Tatsachen entspricht. Wir Gestalter haben nie pharmakogene Mittel benutzt, um euch zu prägen. Wir gehen da schon ein wenig geschickter vor. Warum sollten wir unsere Zöglinginnen medikamentenabhängig machen? Wir züchten doch keine Prostitution.“
„Und wie erklärst du dann, daß so viele Androidinnen gerne was nehmen.“
„In Maßen ist das doch völlig in Ordnung. Du sagst, das Leben könnt ihr nur als Junkies aushalten. Ich meine, worüber beschwert ihr euch eigentlich: viele Adamitinnen aus dem Naturnexus würden sich die Finger danach lecken, was Alphaandroidinnen wie ihr habt: ihr seht toll aus, altert nicht, sterbt nicht, wißt, wie ihr für eure Umwelt genießbar und liebenswert seid, über alles, was genossen werden kann, seid ihr bestens unterrichtet, und für eure Erziehung wurde kein Aufwand gescheut.“
„Schreibenlernen hätte dazu gehört.“ Knieopatra schaute dabei allerdings schon wieder weniger finster.
„Meinetwegen“, räumte Schmollek Schimarek ein. „Diese Einsicht kommt mir mittlerweile auch.“
Knieopatra legte nun beide Arme um Schmollek und schaute ihn vertraut und versöhnlich an. „Weißt du, was das hier ist?“
„Nein was.“
„Eine Familienzusammenführung. Du hast uns gestaltet. Anscheinend hast du nicht vergessen uns so zu polen, daß wir dich später nicht hassen können.“ Dabei neigte sich Knieopatra näher an Schmollek heran. Mit der gewissen sich verschenkenden, freigiebigen Mimik einer Frau, die von ihrer Verführungskraft sehr überzeugt ist, bewegte sie ihre Lippen dicht an Schmolleks heran, zögerte ein wenig, und küßte ihn dann mit viel Talent.
Cheopa zog Knieopatra von Schmollek Schimareks Lippen weg, sammelte sich und legte dann ähnlich familiär ihre Arme um seine Schultern. Ihre Haare fielen auf seine Schulter, ihr Duft hüllte ihn völlig ein. Dann küßte sie ihn mit beinah noch mehr Talent, gar nicht wie eine Schwester oder Tochter.
„Familienzusammenführung“, riß sich Schmollek los. „Ihr habt sie wohl nicht mehr alle.“ Er entflocht das Gewirr von Armen hinter seinem Nacken. „Was soll das werden?“ fragte er dabei grob. „Zieht euch wieder was an und bittet die nächsten, daß sie reinkommen sollen.“
Knieopatra und Cheopa standen mit einem musikalischen, zutiefst korrumpierendem Seufzen auf und bewegten sich göttinengleich auf ihre Kleidungsstücke hin.
Schmollek Schimarek hob noch mal die Handschriftproben der beiden vom Stapel, während sie in ihre Höschen stiegen, und versah beide mit einer handgeschriebenen Notiz unter dem gedruckten administrativen Abschnitt, strich dann beide Notizen wieder und setzte zwei Fragezeichen an die Stelle.
