Futtermittel


July 6th, 2009

„Ein Tier war erlaubt, drei oder vier die Regel“, sagte Knieopatra. „Aber es gab nur Futtermarken für ein Tier. Habe ich nie verstanden, daß man das nicht anders organisieren kann, weil ja geduldet wurde, daß wir mehr Tiere hatten.“

„Das ist doch ganz einfach“, sagte Schmollek Schimarek, „gegen Tiere hat bei HEELS&FACES bestimmt niemand was, aber wenn die Grundfläche des Shangri-La-eigenen Tiergartens größer ist als die Grundfläche aller anderen Gebäude und Außenflächen zusammengenommen und wenn der meiste Verkehr, der Shangri La nach außen verläßt, Tiermistexport für die Landwirtschaft ist, dann ist es doch klar, daß eine Ein-Tier-Regelung gefunden werden mußte. Was ich nicht verstehe, ist, wo ihr die ganzen Tiere eigentlich her hattet.“

„Das ist doch ganz einfach“, echote Knieopatra Schmollek Schimarek, „Tiere vermehren sich.“

„Ach so.“

„Ja, und jeden Frühling wollte mir jemand Welpen oder Kätzchen geben.“

„Wogegen man nur schwer widerstehen kann“, schob Cheopa ein. „Wenn die aber größer werden, wird es kompliziert. Bei Allesfressern wie Hunden oder Pandas, ich hatte einen Panda, kann man von seiner eigenen Essensration was abzweigen, aber wenn du Delphine hast, mußt du eine Fischquelle auftun.“

„Vielleicht war das so gewollt“, mutmaßte Schmollek Schimarek, „weil ihr so zu kommunikativem Tun veranlaßt wurdet. Um die Fische zu bekommen, mußtest du mit anderen Leuten in Kontakt treten, die du vielleicht sonst mit dem Hühnerauge nicht angeguckt hättest, und konntest nicht den ganzen Tag in virtuellen Welten hängen.“

„Klischeee!“ protestierte Knieopatra. „Androidinnen hängen den ganzen Tag in virtuellen Welten ab, sind stinkefaul und interessieren sich ausschließlich für Sex!“

„Jedenfalls erfüllte es den Zweck, daß ihr ökonomisch denken lerntet, was in manchenen Situation nach Shangri La vielleicht ganz nützlich gewesen sein konnte.“

„Pf.“

„Als ob ich das ökonomische Denken propagieren wollte“, sagte Schmollek Schimarek. „Aber als vorhandene Fähigkeit ist es nicht schlecht, nice to have.“

Knieopatra setzte sich gerader hin und zog den Arm unter Cheopas Arm weg und nahm ihn von Schmolleks Schulter. Ihr wurde die Sitzposition auf Schmolleks linkem Oberschenkel unbequem. „Ich hätte es jedenfalls  bevorzugt, wenn für alle Tiere genug zu fressen da gewesen wäre und ich nicht in die blöden Situationen gekommen wäre, die dadurch entstanden sind, daß ich Zusatzfutter auftreiben mußte.“

„Ich auch“, stimmte Cheopa zu. „Der Panda hat mir die Haare vom Kopf gefressen, und ich habe bei irgendwelchen lächerlichen Wettbewerben mitgemacht, die mir heute noch peinlich sind.“ Auch Cheopa nahm eine andere Sitzposition auf Schmollek Schimareks rechtem Oberschenkel ein.

„Die Futtermittelknappheit war wirklich gewollt“, sagte Knieopatra. „Ich weiß noch genau, wie eines Tages die Diätpläne abgeschaft wurden…“

„Stimmt“, nickte Cheopa, „und das wurde abgefeiert als große Befereiung vom Diätterror!“

„Absolut“, Knieopatra, „dabei haben sie einfach nur gesehen, daß die Diätpläne gar nicht mehr erforderlich sind, weil die Mädchen immer dünner wurden, weil sie ihre Tiere nicht verhungern lassen wollten.“

„Ein gemeiner Plot“, sagte Schmollek Schimarek gespielt naiv. „Wer mag sich so was bloß ausgedacht haben.“

„Den würde ich sofort foltern.“

„Lange foltern.“

„Sehr lange dauerfoltern.“

„Zuendefoltern.“

„Dauerfastzuendefoltern.“

„Da seid ihr euch schon mal einig, aber über Meica habt ihr ja ziemlich verschiedene Ansichten“, wechselte Schmollek Schimarek zur dritten Frage über. Er schaute auf den angewachsenen Papierstapel der abgegebenen Schriftproben für den graphologischen Test. Weder Knieopatra und Cheopa beherrschten, ähnlich wie Noemi, die Kunst der Handschrift und brauchten eine Weile, um mit gemalten Buchtsaben Antworten zu formen. Ihre Meinung zur Oberpförtnerin sollten sie demnach mit nur einem einzigen Wort zu Papier bringen, hatten die Wahl zwischen gut, okay oder scheiße, oder was ihnen eben einfiel. Cheopa antwortete ehrerbötig, Knieopatra voller Haß.

Knieopatra und Cheopa schauten sich einen Moment lang an, wie um sich zu einigen, wer beginne, und fielen sich dann gegenseitig ins Wort. Beide schienen über Meica noch einiges auf Lager zu haben. Schmollek Schimarek blickte abwechselnd die eine und die andere an, um nicht seine Aufmerksamkeit willkürlich in eine Richtung zu verschenken. Er legte dann seine rechte Hand auf Knieopatras linken Busen und schaute zum Ausgleich Cheopa an, als ausgewogene Lösung.

Cheopa holte Luft, nahm Anlauf, holte noch mal Luft, nahm noch mal Anlauf und begann dann so: „Ich weiß, daß über Meica vieles im Umlauf ist, was nicht den Tatsachen entspricht. Sie ist auf jeden Fall nicht das Monster, als das sie beschrieben wird. In Wahrheit haben bestimmte Leute ein Interesse daran, sie als Blitzableiter aufzubauen. Der Haß soll sich auf sie richten, damit andere gar nicht erst ins Blickfeld geraten. Der Hauptvorwurf ist doch der, das Meica ihre Macht mißbrauchte, weil sie ab und zu Mädchen, bevor sie durch die Pforte geführt wurden, aus Shangri-La rausschleuste und sich das mit Gegenleistungen erkaufte.“

„Und die Gegenleistungen weiter verkaufte“, fügte Knieopatra hinzu.

„Erzähl weiter, Cheopa“, sagte Schmollek Schimarek. „Du bist gleich dran, Knieo.“ Seine Hand beschäftigte sich mit ihrem linken Busen.

„Der Vorwurf ist doch sehr allgemein und liegt immer in der Luft, wenn jemand eine Pförtnerrolle inne hat und bestimmen kann, wer hinein und hinausdarf. So wie Politiker immer korrupt und Priester immer Kinderschänder sind. Ich kenne keinen Beweis dafür, daß Meica die Mädchen, die heimlich raus durften, sexuell erpreßt hat oder anderen die Möglichkeit zu sexuellen Gunstbeweisen gegeben hat. Das erzählen die Mädchen, die es einfach nie geschafft haben, aus Shangri La vor dem Tag der Pforte mal rauszukommen, weil sie einfach zu blöd dazu waren. Ich bin Meica jedenfalls ziemlich dankbar. Was sie alles für mich getan hat. Wen sie mir alles vorgestellt hat.“

„Wen denn?“ fragte Knieopatra.

„Jungs. Stell dir vor, es gab auch schon in Shangri La Mädchen, die nicht erst, nachdem sie durch die Pforte geführt wurden, zum ersten mal einen Jungen gesehen haben.“

„Ich hatte in Shangri La auch schon einen Jungen gesehen.“

„Ja aber einen ausgestopften in der naturkundlichen Abteilung.“

„Ts.“

Schmollek Schimarek ging nun zu Knieopatras rechtem Busen über.

„Und eine gute Sache muß ich über Meica noch sagen, sie hat mal für mich einen Zahn, den ich draußen verloren hatte, suchen und wiederbringen lassen, weil mich der Zahn verraten hätte.“

„Einen Zahn verloren?“

„Der XU LUX LAN, Androidenjäger. Es gab eine handgreifliche Auseinandersetzung, sie hätten uns um ein Haar gehabt, so zwei feiste Typen.“

„Und wie habt ihr euch gewehrt?“

„Wir waren noch feister. Sah vielleicht nicht besonders damenhaft aus, aber ich haben dem Anführer die Finger in die Augen gesteckt, da hatte er genug.“

„So stark siehst du gar nicht aus“, sagte Schmollek Schimarek und betrachtete Cheopas magere Schultern und hervortretenden Schlüsselbeine.

Cheopa zuckte mit den Achseln und lächelte aus ihren korallgrünen Augen.

Schmollek Schimarek ließ nun von Knieopatras Brüsten ab und widmete sich Cheopas, schaute dabei achsensymmetrisch Knieopatra an, die auch im selben Augenblick achsensymmetrisch mit ihrer Geschichte über Meica begann.

„Meica ist noch schlimmer als die Horrorgeschichten, die über sie kursieren. Sie fliegt immer zu Frischbluttransfusionen in die Schweiz und sieht irgendwie trotzdem wie eine Untote aus einem Vampirfilm aus. Und na klar nutzt sie ihre Pförtnerinnenrolle aus. Der einzige Weg, aus Shangri La abends rauszukommen, führt durch ihr Schlafzimmer. Das weiß jeder. Und in dem Schlafzimmer begegnet man dann nicht unbedingt immer Meica selber. Wer sich verweigert, muß mit Konsequenzen rechnen. Sie schickt dann Besucher von außen wieder weg, mit denen man verabredet war, macht einem das Leben schwer, wo sie kann.“

Schmollek Schimarek hob Cheopas viel zu großen rechten Busen mit seiner flachen Hand sachte an und ließ ihn sattsam in seine Ausgangsposition zurücksacken. Das gleiche machte er auch mit ihrer anderen birnenförmigen, ein wenig hängenden, aber zugleich festen Brust und erfreute sich des kreisenden Nachschaukelns.

Knieopatra beobachtete Schmollek Schimareks kritische Miene, während er sich mit Cheopas Brüsten beschäftigte, und fuhr dann fort: „Oder sie ließ genau die Besucher vor, die man auf gar keinen Fall sehen wollte. Zum Beispiel den Patron, für den ich abgerichtet werden sollte, was ja dann nicht ganz geklappt hat. Ein schleimiger, humorloser, verkrampfter Vollidiot mit Mundgeruch, einer Spießerfrisur und einem grenzenlos peinlichen Modegeschmack. Meica sorgte dafür, daß er mich in Shangri La überall bei praktisch jeder Beschäftigung finden konnte, wovon er zum Glück nicht so oft Gebrauch machte. Aber jedesmal, wenn ich in Schwierigkeiten steckte, war er zur Stelle und trat als Retter auf. Auf die Weise sollen wir bekanntlich auf unseren späteren Herrn und Meister konditioniert werden, weil wir ihn immer als Retter in der Not, Fürsprecher und Wohltäter kennenlernen. Aber in seinem Fall wirkte die Methode nicht, er war zu alt, zu dick und zu häßlich. Nicht daß ich die Zusammenhänge damals schon durchschaute. Mir war es einfach nur unangenehm, wenn er mich mit umarmender Gönnergeste aus dem Karzer holte, wo ich ungewaschen, ungekämmt in Strafkleidung vor mich hin gedämmert hatte.“

„Sträflingskleidung?“ fragte Cheopa.

„Das hätte noch gefehlt. Strafkleidung, also einfach besonders häßliche Klamotten, in denen man total lächerlich aussieht, die man sonst nie anziehen würde.“

„Ich konnte mir auch im letzten Jahr nicht aussuchen, was für Mode ich trage.“

„Ich schon.“

Eine Atmosphäre gegenseitiger Verdächtigung entstand. Knieopatra und Cheopa taxierten einander. In den Blicken lag die unausgesprochene Vermutung, daß die andere wohl vielleicht doch nie selber in Shangri La gewesen sein mochte und die Informationen aus einer anderen Quelle hatte. Schmollek Schimarek spürte, daß dieser verdächtigende Blick zuerst in Knieopatras bernsteinfarbenen Augen erschien, war sich da aber nicht sicher. Er wußte selber, daß nur ein Teil der Mädchen im letzten Jahr über modisches Selbstbestimmungsrecht verfügten, und empfand die wechselseitige Verdächtigung der beiden Mädchen als nicht unbedingt aussagekräftig.

Knieopatras Blick verdunkelte sich. „Aber wenn wir hier über Meica reden, müssen wir ja wohl in erster Linie über etwas anderes reden. Das willst du doch hören, Schmollek, und darum fragst du uns alle danach. Das Leben als Androidin kann man eigentlich nur als Junkies aushalten. Ein Drittel der Mädchen sind schon in den Schulungszentren Junkies.“

„Diese Zahl halte ich für übertrieben“, widersprach Schmollek Schimarek.

„Und später draußen sind es vielleicht zwei Drittel.“

„Das stimmt nicht. Bist du bei in der LIGA der Androidinnen?“

„Ich bin ausgetreten.“

„Ich auch“, bemerkte Cheopa.

„Und für die Junkies unter den Androidinnen“, fuhr Knieopatra fort, „ist es natürlich um einiges schwieriger, an ihr Zeug ranzukommen – verglichen mit Tierfutter. Da ist es klar, daß Meica als Oberpförtnerin dabei eine Rolle spielt. Und welche Rolle genau, weißt du selber natürlich besser als wir.“

Schmollek Schimarek schüttelte den Kopf. „Die LIGA hat euch da einiges einprogrammiert, was nicht den Tatsachen entspricht. Wir Gestalter haben nie pharmakogene Mittel benutzt, um euch zu prägen. Wir gehen da schon ein wenig geschickter vor. Warum sollten wir unsere Zöglinginnen medikamentenabhängig machen? Wir züchten doch keine Prostitution.“

„Und wie erklärst du dann, daß so viele Androidinnen gerne was nehmen.“

„In Maßen ist das doch völlig in Ordnung. Du sagst, das Leben könnt ihr nur als Junkies aushalten. Ich meine, worüber beschwert ihr euch eigentlich: viele Adamitinnen aus dem Naturnexus würden sich die Finger danach lecken, was Alphaandroidinnen wie ihr habt: ihr seht toll aus, altert nicht, sterbt nicht, wißt, wie ihr für eure Umwelt genießbar und liebenswert seid, über alles, was genossen werden kann, seid ihr bestens unterrichtet, und für eure Erziehung wurde kein Aufwand gescheut.“

„Schreibenlernen hätte dazu gehört.“ Knieopatra schaute dabei allerdings schon wieder weniger finster.

„Meinetwegen“, räumte Schmollek Schimarek ein. „Diese Einsicht kommt mir mittlerweile auch.“

Knieopatra legte nun beide Arme um Schmollek und schaute ihn vertraut und versöhnlich an. „Weißt du, was das hier ist?“

„Nein was.“

„Eine Familienzusammenführung. Du hast uns gestaltet. Anscheinend hast du nicht vergessen uns so zu polen, daß wir dich später nicht hassen können.“ Dabei neigte sich Knieopatra näher an Schmollek heran. Mit der gewissen sich verschenkenden, freigiebigen Mimik einer Frau, die von ihrer Verführungskraft sehr überzeugt ist, bewegte sie ihre Lippen dicht an Schmolleks heran, zögerte ein wenig, und küßte ihn dann mit viel Talent.

Cheopa zog Knieopatra von Schmollek Schimareks Lippen weg, sammelte sich und legte dann ähnlich familiär ihre Arme um seine Schultern. Ihre Haare fielen auf seine Schulter, ihr Duft hüllte ihn völlig ein. Dann küßte sie ihn mit beinah noch mehr Talent, gar nicht wie eine Schwester oder Tochter.

„Familienzusammenführung“, riß sich Schmollek los. „Ihr habt sie wohl nicht mehr alle.“ Er entflocht das Gewirr von Armen hinter seinem Nacken. „Was soll das werden?“ fragte er dabei grob. „Zieht euch wieder was an und bittet die nächsten, daß sie reinkommen sollen.“

Knieopatra und Cheopa standen mit einem musikalischen, zutiefst korrumpierendem Seufzen auf und bewegten sich göttinengleich auf ihre Kleidungsstücke hin.

Schmollek Schimarek hob noch mal die Handschriftproben der beiden vom Stapel, während sie in ihre Höschen stiegen, und versah beide mit einer handgeschriebenen Notiz unter dem gedruckten administrativen Abschnitt, strich dann beide Notizen wieder und setzte zwei Fragezeichen an die Stelle.

July 5th, 2009

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Floating Points – Love Me Like This (Nonsense Dub)

July 4th, 2009

Wallerant Vaillant

July 4th, 2009

Zelfportret
Zelfportret

July 4th, 2009

Interface

July 4th, 2009

Dresden

Naomi und Noemi


June 16th, 2009

Während Naomi schon das halbe Blatt mit einer generischen Rundhandschrift bedeckt hatte, strich sich Noemi eine Strähne hinters Ohr zurück, kräuselte die Brauen zusammen und kaute auf liebliche Weise auf dem seitlichen Teil ihrer Unterlippe herum. Schmollek Schimarek hielt es zuerst für eine Nachdenkensphase. Aber als Naomi das Blatt schon drehte und die Rückseite zu füllen begann, malte Noemi immer noch an ihrer ersten Zeile. Die Buchstaben entsprachen dem Bild, das sie sich von einer Schreibhandschrift, so gut es ging, eingeprägt hatte. Die Kunst der Handschrift beherrschte sie eigentlich nicht. Schmollek Schimarek wußte als Naturmensch, wieviel Zeit und Mühe nötig ist, auf einer Menschenschule das Schreiben von Hand einzuüben. Diese wesentliche Voraussetzung zu einer eigenen Handschrift, die Übung, fehlte aber Noemi. Sicher war sie nicht illiterat und konnte über ihr Implantat fehlerfreie Texte verfassen. Das Implantat blieb jedoch, um das Testergebnis nicht zu verfälschen, solange dieser dauerte, abgeschaltet; denn über das Implantat hätte sie sich Hilfe von außen holen können. Vermutlich wußte Noemi eine altmodische Fingertastatur zu handhaben. Doch im Alltag bediente sie sich, wie alle, gewöhnlicher Spracheingabe, die in lateinische Laufschrift verwandelt wurde. Daß sie jetzt die Buchstaben hinmalte, anstatt flüssig zu schreiben, wollte Schmollek Schimarek nicht übereilt deuten. Sie schaute mit einem entschuldigen Blick vom Blatt zu Schmollek auf.

„Laß dir Zeit“, sagte Schmollek Schimarek artig, „du kanst so lange nachdenken wie du für richtig hältst.“ Noemi mochte den schonungsvollen Tonfall nicht, zog Variationen von Schnuten.

Naomi dagegen schraubte ihren Füller zu, legte ihn parallel zum Blatt, hob es zwischen Daumen und Zeigefinger ein wenig näher zu sich heran, sah mit einem Blick, der in etwa „fertig!“ besagte, zu Schmollek herüber, und überflog noch einmal ihre Antworten auf Schmollek Schimareks drei Testfragen.

Diese lauteten: Was für ein Tisch steht im Keller unter den Propyläen vom Schulungszentrum Shangri-La? Erzähl etwas darüber, was du im Zusammenhang mit der Aktivität erlebt hast, für die solch ein Tisch gemacht ist, oder einer verwandten Aktivität, Stichwort Weiß. Zweitens: Was hat die Tierfuttermarke Meica mit der Oberpförtnerin von Shangri-La zu tun, und erzähl etwas über die Futterbeschaffung für deine Tiere im Schulungszentrum. Und drittens: Was war die Oberpförtnerin in dem Jahr, als ihr Shangri-La verlassen habt und durch die Pforte geführt wurdet, und erzähl uns deine Erfahrungen in dem Zusammenhang. Schmollek Schimarek erhoffte sich nicht ernsthaft Aufschluß über die Originarität Naomis und Noemis durch solche Fragen. Natürlich waren sie so gestellt, daß sie nur beantworten konnte, wer selber im Schulungszentrum Shangri-La gewesen und auferzogen worden ist, wie Naomi und Noemi in frühren Befragungen angegeben hatten. Aber gerade in der Beantwortung dieser Fragen erwiesen sich die Kopien als besonders gleichwertig mit den Originalen. Sie schienen über die Zustände im Innern der Schulungszentren genaustens Bescheid zu wissen. Die Leute bei HEELS&FACES waren völlig ratlos, wie die Raubkopierer das anstellten. Sonst hätten sie nicht Schmollek beauftragt, mit seiner charismatischen Methode die Echtheit der Mädchen zu überprüfen. Die spezielle Methode in diesem Fall war also nicht, mit zusätzlichen Testfragen doch Erfahrungslücken bei Naomi und Noemi aufzuspüren. Sinn der Fragen war, eine Schriftprobe zu erhalten. Die Ergebnisse gingen in die graphologische Auswertung. Das wurde bisher noch nicht versucht. Schmollek Schimarek testete die Androidinnen immer paarweise. Mehr als zwei im Blick behalten zu sollen, schien ihm hinderlich dabei, noch geringste Wesensunterschiede zu erspüren. In diesem Fall war es kinderleicht, das selbstsichere Lächeln bei Naomi und das Seufzen der Verzweiflung bei Noemi auseinanderzuhalten. Naomi hielt, nachdem sie ihre Antworten ausgebessert und um Unterstreichungen ergänzt hatte, mit überlegener Miene das Antwortblatt Schmollek Schimarek entgegen, daß heißt, kam gar nicht auf den Gedanken, sich zu erheben und ihm das Blatt zu bringen. Ein Zeichen für Echtheit, fand Schmollek Schimarek, der selber am Gendesign dieser Souche mitgearbeitet und zu seiner tiefen Befriedigung keine braven Mäuschen gezüchtet hatte, die mit dem Blatt scheu herübergehuscht kämen.

„Leg es hier zu den anderen, bitte“, wies er auf einen Stapel neben sich. Erst nach dieser Aufforderung stand Naomi auf und kam um ihren Tisch herum.

„Ich hoffe, Sie können es lesen“, sagte sie mit sehr hellem Sopran. Das war nicht mit ironischem Tonfall gesagt, hätte aber gepaßt, denn die Schrift war von einer maschinenhaften Regelmäßigkeit wie gedruckte Handschrift in Lehrwerken zu ihrer Erlernung. Als sie sich setzte, schaute Schmollek Schimarek, was ihn selber wunderte, auf ihren wirklich guten Hintern, an dessen Entwurf er einst mitbeteiligt war. Naomi trug giftfarbene Leggins; man konnte sehr genau erkennen, was für pralle Halbkugeln ihre Arschbacken waren. Das widerum war kein Zeichen für Echtheit, wußte Schmollek Schimarek, der sich immer für ein realistisches Bindegewebe eingesetzt hatte. Oft konnte er sich damit zwar nicht durchsetzen, doch läßt sich sagen, daß die plumpen Kopien von zum Beispiel BLOX FÖTEN häufig überknackige Ärsche haben, weil die bei denen die feine Gratwanderung zwischen alberner Koketterie mit dem menschelnd Fehlerhaften und einem ernsthaften, glaubhaften, wahren Po einfach nicht draufhaben.

„Komm noch mal bitte zurück“, rief Schmollek Schimarek Naomi nach. „Näher.“ – „Noch näher.“

Während Naomi sich umwandte, wieder die drei Schritte zu Schmollek Schimarek zurückmachte, und sich Knie an Knie vor ihn hinstellte, legte auch Noemi ihren Stift nieder, holte tief Luft und rief mit appellatorischer Stimme herüber: „Schmollek, es tut mir ja so leid, aber ich habe nie Schreiben mit einem Stift richtig gelernt. Was soll ich machen?“ Und nach einer Pause: „Ich kann aber alle Fragen beantworten.“

„Gut“, sagte Schmollek Schimarek. „Leg das Blatt einfach zu den anderen.“

„Ich kann dir die Antworten so sagen, mündlich.“

„Dann laß hören.“

„Zum Tisch im Keller unter den Propyläen, das ist ein Kickertisch mit griechischen Hopliten als Figuren“, fing Noemi an, während Naomi inzwischen, beinah mit den Knien ihn berührend, vor Schmollek Schimarek stand. „Gespielt wird mit einem Miniaturschädel, und die Kickerstangen kommen auf der anderen Seite beim Gegner als Dolchspitzen wieder raus, also, man muß gleichzeitig versuchen, den Ball ins Tor zu kriegen und kriegt Zusatzpunkte, wenn man seinen Gegner auf der anderen Seite nebenbei noch aufspießt. Das ist mir allerdings nie gelungen, ich wurde aufgespießt. Ziemlich schlecht weggelaserte Narbe…“ Noemi hielt inne, weil Schmollek Schimarek nicht die volle Aufmerksamkeit ihrer Geschichte widmete, sondern mit einer umrührenden Zeigefingerbewegung Naomi dazu aufforderte, sich umzudrehen.

„Erzähl weiter“, sagte Schmollek Schimarek zu Noemi, wobei er gleichzeitig Naomi, ratsch, die Leggins herunterzog und ihren Arsch betrachtete.

„Zur Tierfuttermarke Meica, die Oberpförtnerin hieß so, sie hieß Meica, wie die Marke, und die Futterbeschaffung war ein echtes Problem…“

„Okay, geschenkt, Frage drei, was war Meica in dem Jahr, als ihr durch die Pforte geführt wurdet?“ Schmollek Schimarek winkte nun auch Noemi näher zu sich heran.

„Ein Mann, sie wechselte mehrmals das Geschlecht hin und her, war da nicht so festgelegt, in dem Jahr war sie aber ein Mann.“

„Ganz genau. Alle Fragen richtig beantwortet.“ Schmollek Schimarek positionierte nun Noemi neben Naomi und ließ auch sie ihren nackten Hintern präsentieren. „Also ihr habt beide einen super Hintern, aber einen erkenne ich wieder, einer ist von mir, trägt meine Handschrift, und der andere nicht, ist ein fremder Hintern, trägt eine andere Handschrift. Einer ist runder, einer eckiger. Einer hat ein paar feine blonde Härchen mehr und der andere ist ein bißchen kleiner und abstehender. Hm. Ein Hintern hat richtig viel Charisma, und der andere überhaupt keine Spur von Persönlichkeit. Ein Hintern mit Charme, gutem Geschmack und liebenswerten Manieren, der andere ein Schweinehintern, richtig gewöhnlich, richtiger Allerweltshintern. Guter Hintern, böser Hintern.“

„Welcher ist denn der gute?“ fragte Noemi über die Schulter zu Schmollek Schimarek herunter. Eine Sekunde später drehte auch Naomi ihren Kopf und blickte über die Schulter zu Schmollek herunter.

Gutachter (Repost vom 20.Mai)


June 16th, 2009

  • Floyd Void: Gut daß ich dich treffe, ich wollte dich sowieso was fragen. Du bist doch bei Umweltverträgliche Massenvernichtungswaffen, oder?
  • Schmollek Schimarek: Ja?
  • Floyd Void: Ist das lukrativ?
  • Schmollek Schimarek: Geht so. Wenn ich nicht die Urania verlieren würde…
  • Floyd Void: Wärst du sofort weg?
  • Schmollek Schimarek: Ja.
  • Floyd Void: Eigentlich doch reine Erpressung.
  • Schmollek Schimarek: So wie früher Erwerbsarbeit. Wenn du nicht an den Forschungsvorhaben oder Gestaltungsprojekten teilnimmst, die sie dir vorschlagen, nehmen sie dir die besten Ordinaturdienste weg.
  • Floyd Void: Also die Urania kann ich dir nicht bieten, aber HEELS&FACES gibt dir den vollen Zugangang zur Queentia und zu den Laren noch zusätzlich. Das beides zusammen ist mehr als Urania.
  • Schmollek Schimarek: Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.
  • Floyd Void: Siehst du.
  • Schmollek Schimarek: Daß du damit ankommst, meine ich. Wenn ich eins garantieren kann, dann nicht zu HEELS&FACES zurückzugehen.
  • Floyd Void: Das sollst du auch gar nicht. HEELS&FACES will dich nicht als Gestalter zurück.
  • Schmollek Schimarek: Als was denn dann?
  • Floyd Void: Als Gutachter. Die neusten Kopierschutzverletzungen sind einfach nicht mehr nachweisbar. Eine Androidin von HEELS&FACES ist von einer Nachgemachten zum Beispiel von BLOX FÖTEN nicht mehr zu unterscheiden, weder phänologisch, genologisch noch kalykologisch. Die bildungsmäßigen Wasserzeichen funktionieren auch nicht mehr so zuverlässig.
  • Schmollek Schimarek: Ich weiß.
  • Floyd Void: Zuletzt haben sie sogar die internen Kennungen gehackt, so daß sie bei HEELS&FACES selber nicht mehr sagen können, ob ein Mädchen wirklich von ihnen ist.
  • Schmollek Schimarek: Wie soll ich ihnen da weiterhelfen können?
  • Floyd Void: Sie glauben, daß du mit deiner charismatischen Methode herausfinden kannst, welche Androidin eine echte HEELS&FACES-Androidin ist. Du würdest an der Aura der Mädchen erkennen, wer eine Nachahmung ist.
  • Schmollek Schimarek: Da bin ich skeptisch.
  • Floyd Void: Es geht nur um deine charismatischen Eindrücke, als Gutachter. Du schaust dir die fraglichen Androidinnen sehr genau an, und gibst dein Urteil ab.
  • Schmollek Schimarek: Und wenn ich jedesmal falsch liege?
  • Floyd Void: Spielt keine Rolle. Der Vertrag wäre unbefristet. Es würde allerdings heute schon losgehen.
  • Schmollek Schimarek: Hm. Laß mir fünf Minuten Bedenkzeit.

June 15th, 2009

Helis


June 14th, 2009

Flechtknötel

June 10th, 2009